
Menschen, die unter einer Zwangsstörung leiden, berichten häufig, dass sie eine Handlung wie z. B. das Kontrollieren, ob der Herd ausgestellt ist, sehr lange und mehrmals ausführen müssen. Auch die Beschäftigung mit immer wiederkehrenden Gedanken, Bildern und Impulsen kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Dabei werden die Handlungen sowie die Gedanken von den Betroffenen selbst als übertrieben wahrgenommen.
Durch dieses Verhalten ist es oft nicht möglich, gewohnten alltäglichen Aufgaben nachzugehen. Eine Verspätung beim Arbeitsplatz von mehreren Stunden führt z. B. zu zusätzlichen Problemen mit dem Umfeld. Auch nahe Angehörige werden in die Zwangsabläufe einbezogen und sind oft fester Bestandteil davon. So werden z. B. der Ehemann oder die Kinder dazu aufgefordert, sich zu duschen oder zu waschen, wenn sie nach Hause kommen. Häufig dienen andere Menschen aber auch der Rückversicherung („Habe ich den Herd wirklich ausgemacht?“). Dies ist sehr belastend für die Angehörigen, die oft auch nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen.
Etwa 2-3% der Bevölkerung leiden an einer Zwangsstörung.
Es gibt viele verschiedene Ausprägungen von Zwängen. Zunächst einmal werden Zwangsgedanken von Zwangshandlungen (Zwangsritualen) unterschieden.
Zwangsgedanken (aufdringliche Gedanken): Sind Gedanken, die immer wiederkehrenden und als unkontrollierbar erlebt werden. So denkt jemand vielleicht, dass er obszöne Worte schreien könnte (während einem Konzert, während eines Meetings etc.). Viele Menschen, die Zwangsgedanken haben, erzählen von wiederkehrende Gedanken oder Vorstellungen, jemandem etwas anzutun (z. B. denkt eine Mutter, sie könnte ihr Kind verletzen) oder tabuisierte Handlungen auszuführen (sich während der Arbeit ausziehen z. B.). Dies ist mit starken Schuld- und Schamgefühlen verbunden und wird als unangenehm empfunden.
Zwangshandlungen: z. B. mehrmals kontrollieren, ob die Autotür zu ist, sich die Hände waschen (Waschzwang), Straßenlaternen zählen (Zählzwang) etc.. Zwangshandlungen treten oft nach einem Zwangsgedanken auf, um aufkommende Angst zu reduzieren. Wenn eine Mutter denkt, sie könnte ihr Kind verletzen, dann kontrolliert sie z. B., ob alle Messer außer Reichweite sind, um sich zu beruhigen.
Zwangsgedanken und -handlungen erscheinen den Betroffenen oft selbst sinnlos oder übertrieben, aber sie können sie nicht unterbinden.
Die Ursachen für die Entstehung einer Zwangsstörung sind vielfältig. Gewisse genetische und biologische Einflüsse können bei der Entstehung eine Rolle spielen sowie das Auftreten von kritischen Lebensereignissen, wie z. B. eine Trennung, ein Arbeits-platzwechsel oder der Verlust einer geliebten Person.
Erfahrungen im Elternhaus, damit einhergehende Entwicklungen und entstandene Gedankenmuster können zusätzlich relevant sein.
Ein Zwangsgedanke führt zu Angst und Anspannung. Um diese Angst zu verringern, werden Zwangshandlungen und Rituale ausgeführt. Die kurzfristige Entspannung und Angstreduktion führt wiederum dazu, dass das Zwangsverhalten verstärkt wird und sich festigt. Ein Teufelskreis kann entstehen.
Zusätzlich besteht oftmals die Angst, dass die Zwangshandlung nicht korrekt ausgeführt wurde. Um diese Angst zu reduzieren, wird die Zwangshandlung wiederholt.
Bei Zwangsgedanken ist es häufig so, dass Betroffene versuchen, die Gedanken zu unterdrücken, indem sie probieren, nicht daran zu denken. Selbst wenn Menschen, die keine Zwangsgedanken haben, gesagt bekommen, dass sie jetzt nicht an eine grüne Giraffe denken sollen, müssen sie automatisch an eine grüne Giraffe denken. Der Unterdrückungsversuch bewirkt genau das Gegenteil.
Zwangserkrankungen sind mit Hilfe von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten gut therapierbar. Die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie ist wissenschaftlich belegt.
In der Verhaltenstherapie gibt es z.B. die kognitive Therapie, in der es um die Bearbeitung von ungünstigen Gedankenmustern und einem Hinterfragen von automatisch auftretenden Gedanken (wie z.B. bei Zwangsgedanken) geht.
Bei der Konfrontation mit der Angst wird behutsam vorgegangen. Da bisher die Angst durch eine Zwangshandlung reduziert wurde, ist es wichtig zu lernen, dass die Angst von alleine absinkt und die Nicht-Ausübung des Zwanges vom Patienten ausgehalten werden kann. Dieses Vorgehen wird mit viel Unterstützung und nach Vorbereitung durchgeführt.
Neben der Therapie können auch zusätzlich zur Konfrontation kognitive Umstrukturierung (die Bearbeitung ungünstiger Gedankenmuster) und das Aneignen von Bewältigungsstrategien die Behandlung unterstützen.
Die Verhaltenstherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Wirksamkeit zur Behandlung psychischer Erkrankungen wissenschaftlich belegt wurde. Die Verhaltens-therapie geht davon aus, dass die Ursachen für die psychische Erkrankung, wie z.B. negative Gedankenmuster und ungünstige Verhaltensweisen, erlernt wurden. Somit lässt sich durch das Aufdecken der erlernten Muster eine Veränderung in Form einer Neu-bewertung und ein Erlernen neuer, gesundheitsförderlicher Verhaltensweisen erzielen.
Die Verhaltenstherapie bedient sich dabei unterschiedlicher Elemente, wie Gespräche, Rollenspiele, Gedankenprotokolle, Übungen, Hausaufgaben und die behutsame Konfrontation mit Ängsten, Zwängen bzw. belastenden Situationen.
Zu jeder Verhaltenstherapie gehört auch eine Diagnostikphase, die es ermöglicht, ein Krankheitsbild aufzudecken, eine auf die Bedürfnisse des Patienten ausgerichtete Therapie durchzuführen und Therapieerfolge sichtbar zu machen. Für die Diagnose einer Zwangsstörung werden Betroffene in der Regel gebeten, das HZI (Hamburger-Zwangs-Inventar) auszufüllen.
Wichtig ist es, sich vor Augen zu halten, dass es Möglichkeiten gibt, eine Zwangserkrankung erfolgreich zu behandeln. Die Erwartungshaltung sollte hierbei realistisch sein. Eine Psychotherapie wird es nicht schaffen, Symptomfreiheit in wenigen Tagen zu erzielen. So wie ungünstige Gedanken- und Verhaltensmuster über Jahre erlernt und gefestigt wurden, benötigt es auch Zeit und Geduld, um diese zu verändern.
Eine Unterstützung durch Angehörige und Freunde ist sehr wichtig. Wenn möglich, suchen Sie Halt in Ihrem sozialen Umfeld.
Das Üben zuhause in Form von Hausaufgaben ist wichtig, um eine dauerhafte Genesung zu ermöglichen.